Das Inferno in den eigenen vier Wänden

Es ist Dienstag, der 05. Februar 2019. Um 04:11 Uhr berichtet die erste deutsche Nachrichtenseite über einen Wohnhausbrand in Paris. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits bekannt, dass es mindestens vier Todesopfer gibt. Am Ende sterben in diesem Inferno zehn Menschen, 38 werden verletzt. Was für schreckliche Nachrichten. Schnell weiterlesen oder weiterscrollen? Nein – daraus lernen und die eigene Wahrnehmung schärfen.

Um dies zu tun, möchte ich das Geschehene aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen das Brandgeschehen versuchen zu analysieren aus der Sicht des Feuerwehrmannes, zum anderen die richtigen Schlüsse daraus ziehen und einen Konsens finden, von welchem alle etwas mitnehmen können.

Das Brandobjekt im Detail

Die Suche nach dem betroffenen Gebäude und dessen Zustand gestaltet sich recht einfach. Durch die allgemeinen Nachrichten ist bereits am 05. Februar gegen 08.00 Uhr die Meldung auf allen Kanälen zu finden. Dort bekommt man schnell heraus, dass das Feuer ist im Westen der französischen Hauptstadt ausgebrochen. Genauer gesagt im 16. Arrondissement von Paris. Nach etwas mehr Recherche ist auf einem Bild der französischen Nachrichtenagentur AFP zu sehen, wie Feuerwehrmänner an einem Straßenschild vorbeilaufen. „Rue Erlanger“, steht darauf. Von hier an ist es einfach. Die Gebäudeform eines „H“ ist auf den Fotos erkennbar, in der Rue Erlanger gibt es nur ein passendes Gebäude. Weitere Informationen liefert kurz darauf der französische Bauminister in einer Pressekonferenz. Das Gebäude ist Baujahr 1975, also 44 Jahre alt, hat acht Stockwerke und war baulich in gutem Zustand.

Das Gebäude in der Rue Erlanger im 16. Arrondissement von Paris. (Foto: Google Maps)

Das Bild macht bereits das erste Problem sichtbar. In zweiter Reihe gelegen, hat das Gebäude keinen direkten Zugang zur Straße. Wir erinnern uns an die Zahl der Stockwerke und machen uns im Umkehrschluss klar, dass eine Drehleiter der Feuerwehr zur schnellen Menschenrettung nicht mehr in Frage kommt. Genauer betrachtet, hat das betreffende Gebäude sogar zwei Innenhöfe, der hintere der beiden ist noch enger.

Das Gebäude in der Frontansicht. (Foto: Google Maps)

An dieser Stelle muss ich die Faktoren, welche ich nicht bestätigen kann, benennen. Ich weiß nicht, ob das Gebäude über ein zweites Treppenhaus als Fluchtweg verfügt. Ebenfalls ist mir nicht bekannt, ob ein solches Gebäude in Frankreich ein Brandschutzkonzept erfordert. In Deutschland wäre ein geschütztes Flucht-Treppenhaus oder ein zweiter Rettungsweg nach dem Baurecht vorgeschrieben gewesen, da ein Gebäude dieser Höhe unter die „Hochhausgrenze“ fallen würde. Diese beschreibt alle Gebäude, in welchen die Drehleiter der Feuerwehr mit ihrer Rettungshöhe von 23 Metern den zweiten Rettungsweg nicht mehr stellen kann. Ebenfalls würde ein solches Gebäude in Deutschland in die Gebäudeklasse 5 fallen und damit automatisch ein Brandschutzkonzept verlangen.

Die Chronologie der Ereignisse

Wann genau der Brand ausgebrochen ist, lässt sich aktuell aus der Berichterstattung nicht genau sagen. Eingrenzen kann man den Brand aber zwischen 00:00 und 04:00 Uhr in der Nacht vom 04. auf den 05. Februar 2019. Die nächstgelegene Feuerwache der Pariser Feuerwehr ist nur sechs Straßen entfernt. Das sind Luftlinie circa 800 Meter. Die ersten Einheiten dürften also relativ rasch an der Einsatzstelle eingetroffen sein.

Der Punkt stellt die nächstgelegene Feuerwache dar, das rote Kreuz die Einsatzstelle. (Foto: Google Maps)

Beim Eintreffen der ersten Einheiten schlagen bereits die Flammen aus den Fenstern der oberen Stockwerke. Die Umstände sind in diesem Moment für die Feuerwehr denkbar schlecht. Es ist mitten in der Nacht – fast niemand ist arbeiten, einkaufen, in der Schule oder anderswo. Die meisten Bewohner dieses Hauses sind in ihren Wohnungen. Bereits beim Eintreffen der Feuerwehr hätten Menschen an den Fenstern und Balkonen um Hilfe gerufen. Andere hätten sich auf das Dach des Gebäudes geflüchtet. Das Feuer scheint im sechsten Stock ausgebrochen und sich nach oben ausgebreitet zu haben. Sofort werden weitere Einheiten aus dem ganzen Stadtgebiet alarmiert, am Ende sind 200 Feuerwehrleute im Einsatz. Bis diese Einheiten allerdings an der Einsatzstelle eintreffen, vergehen weitere Minuten. Die Feuerwehr muss mit tragbaren Leitern (Steck- und Schiebleitern) beginnen, die Personen aus den Wohnungen zu retten. Eine Flucht über das Treppenhaus scheint zu diesem frühen Zeitpunkt bereits nicht mehr möglich. Viele Bewohner, gerade in den letzten drei Stockwerken sitzen in der Falle.

Dieses Bild bietet sich den Einsatzkräften. (Foto: AFP)

Eine voll ausgezogene Schiebleiter hat eine Höhe von 14 Metern. Das reicht bei einer angenommenen Höhe pro Stockwerk von durchschnittlich drei Metern gerade einmal für den vierten Stock.

Die Enge im Innenhof ist spürbar, die Rettungshöhe der Leitern limitiert. (Foto: AFP)

Ab dort klettern die Feuerwehrmänner mit Hakenleitern weiter nach oben, lassen die Bewohner mit Rettungsleinen an der Fassade des Gebäudes herab.

Mit Rettungsleinen werden die Bewohner nach unten gelassen und Schlauchleitungen nach oben gebracht. (Foto: AP)

Es ist für die Einsatzkräfte eine echte Mammut-Aufgabe. Es kommen hier so viele Faktoren zusammen, welche in Summe den Einsatz enorm erschweren.

Die Gegend der Einsatzstelle: innenstädtische Bebauung, enge Straßen, weite Wege in die Hinterhöfe. (Foto: picture-alliance/Anadolu Agency/M.Yalcin)

Angefangen bei der Anzahl der Personen, die baulichen Einschränkungen, die Wasserförderung von der Straße in die Innenhöfe und die innenstädtische Lage machen es der Feuerwehr schwer, dieses mutwillig gelegte Feuer unter Kontrolle zu bringen. Richtig gelesen. Brandstiftung. Ein weiteres Mosaiksteinchen im Gesamtbild einer Tragödie. Noch in der Nacht nimmt die Polizei eine Bewohnerin wegen des dringenden Tatverdachts der Brandstiftung fest. Ein Zeuge sagt aus, sie habe das Feuer vor seiner Wohnungstüre gelegt, nachdem sie sich bei diesem über eine Ruhestörung beklagt hatte.

Das Fazit

Gegen 07:00 Uhr hat die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle und größtenteils gelöscht. Als es hell wird, ist das gesamte Ausmaß des Brandes sichtbar.

Der Anblick auf die Rückseite des Gebäudes am nächsten Morgen. (Foto: DPA)

Dieses Brandgeschehen macht einmal mehr deutlich, was Feuerwehren immer wieder beklagen. Oft wird in Wohngebäuden der Brandschutz vernachlässigt, Flure zugestellt, Treppenhäuser unpassierbar gemacht, Rauchmelder (obwohl vorgeschrieben) nicht installiert. Dabei vergessen wir immer, dass diese Vorsichtsmaßnahmen immer von einem natürlichen Brandereignis ausgehen mit lokalem Beginn und Verlauf. Kommt eine Brandstiftung ins Spiel, eventuell auch mit mehreren Brandherden, verschärft sich die Situation für alle Beteiligten enorm. Sind dann noch Fluchtwege nicht passierbar oder nicht ausgeschildert, Rauchmelder nicht vorhanden oder ähnliches, dann sind es die berühmten Tropfen, welche das Fass zum Überlaufen bringen können.

Quellen:

https://www.merkur.de/welt/paris-brand-in-luxus-viertel-verdaechtige-wieder-in-polizeigewahrsam-zr-11734596.html

https://www.tagesschau.de/ausland/paris-hausbrand-103.html

https://www.welt.de/vermischtes/article188502621/Paris-Mutmassliche-Brandstifterin-nach-toedlichem-Brand-in-Untersuchungshaft.html

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ungluecke/festnahme-nach-grossbrand-in-paris-mit-mindestens-zehn-toten-16025015.html

https://www.bote.ch/nachrichten/panorama/acht-tote-bei-grossbrand-in-paris;art46441,1154203

https://www.dw.com/de/mindestens-zehn-tote-bei-feuer-in-paris/a-47366238

https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Achtstoeckiges-Gebaeude-geht-in-Flammen-auf-acht-Tote-article20843335.html