Gesteigerte Sicherheit in Gebäuden

Die Bauprodukteverordnung wurde bereits 2017 erweitert. Mitbekommen haben das offenbar nur wenige, die Änderungen waren jedoch sinnvoll und weitreichend.

Seit dem 01. Juli 2017 fallen Strom-, Steuer- und Kommunikationskabel in Bauwerken unter die EU-Norm 50575 der Bauprodukteverordnung (CPR – Construction Products Regulations). Erstmals legt die EU damit eine einheitliche Regelung für Brandklassen und Prüfmethoden für Kabel und Leitungen fest. Inhaltlich fordert die Norm 50575 den Einbau von Kabeln mit verbesserten Brandeigenschaften und sorgt damit für eine höhere Brandsicherheit.

Viele von uns verbringen sehr viel Zeit des Tages innerhalb von Gebäuden. Beim durchschnittlichen Büroarbeiter sind das fast 90 Prozent. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass viele Menschen fast 90 Prozent ihrer Zeit an den Orten verbringen, an denen sich 90 Prozent der Brände ereignen – innerhalb von Gebäuden und Bauwerken. Das Statistische Bundesamt hat in den Zahlen von 2015 erfasst, dass von den insgesamt 343 Brandopfern über die Hälfte den Tod durch Rauch, Feuer und Flammen innerhalb von Gebäuden fanden. Von diesen wiederum sterben 92 Prozent an den Einwirkungen von toxischen Rauchgasen.

Fluchtzeit wird immer kürzer

Geraten Menschen in die Ausnahmesituation Brand, dann haben sie, gerade innerhalb von Gebäuden, immer wieder Schwierigkeiten, die Fluchtzeit richtig einzuschätzen. Und gerade in diesem Bereich hat sich in den letzten 60 Jahren auch einiges getan. Durchschnittlich hatten Menschen 1950 15 Minuten Zeit zur Flucht. Heute haben Personen nur noch durchschnittlich 3 Minuten, um ein brennendes Gebäude zu verlassen. Nach diesen 3 Minuten erschweren Rauch und Hitze die Orientierung, sodass Fluchtwege kaum noch zu erkennen und zu erreichen sind.

Dieses Bild macht deutlich, wie schnell Brandrauch die Fluchtwege aus einem Gebäude abschneiden kann.

Diese Abnahme der Fluchtzeit von nahezu 80 Prozent ist besonders einem Umstand zu verdanken: Dem flächendeckenden Einsatz von Kunststoffen in Gebäuden und Einrichtungsgegenständen. Durch diesen Einsatz hat sich die Verlaufszeit von Entzündung bis Flash-Over enorm verkürzt.

Der Flash-Over bezeichnet den schlagartigen Übergang eines Entstehungsbrandes zu einem voll entwickelten Brand. Es ist der Zeitpunkt, an dem eindringende Luft im Raum zu einem Abbrennen der unter der Decke gestauten Pyrolysegase führt. Dabei entstehen sehr hohe Temperaturen, welche alle brennbaren Gegenstände im Umkreis in Brand setzen – auch ohne direkten Kontakt zu einer Zündflamme.

Wirkungsvolle Präventivmaßnahmen

Vorbeugende Brandschutzmaßnahmen sind in diesem Zusammenhang immer wichtiger und wirkungsvoller. Sie erhöhen den Schutz von Leib und Leben bei Bränden in Gebäuden und Bauwerken. Brandschutzmaßnahmen werden im Vorfeld getroffen, um der Entstehung und Ausbreitung von Bränden und deren Folgen entgegenzuwirken. Die Maßnahmen sind dabei sehr vielfältig. Sie können anlagentechnischer, organisatorischer oder baulicher Natur sein. Die baulichen Maßnahmen sind vielseitig und berücksichtigen vor allem die Aspekte Brandverhalten und Feuerwiderstand von Baumaterialien, Aufteilung der Gebäude in Brandabschnitte sowie die Fluchtwegplanung.

Das Kabel als Bauprodukt

Im Juli 2013 tritt die Bauprodukteverordnung (CPR) erstmals verbindlich in Kraft. Damit hatte die EU die unterschiedlichen nationalen Regulierungen bezüglich der Brandeigenschaften von Bauprodukten vereinheitlicht. Diese Vorschriften gehen Hand in Hand mit einem weitreichendem Zertifizierungssystem einher, welches sicherstellt, dass nur die zugelassenen Produkte auf Baustellen verbaut werden. Die CPR gilt für alle Produkte oder Bausätze, welche dauerhaft in Gebäuden eingebaut sind. Seit der letzten Nachbesserung der Richtlinie fallen darunter nun auch fest installierte Kabel und Leitungen. Im Paragraphendschungel der EU heißt die aktuelle Fassung ganz offiziell „harmonisierte Norm hEN 50575″, an welche sich die CPR angliedert.

Der einheitliche Standard betrifft sowohl die Brandklassifizierung, als auch die Prüfmethoden für Kabel in den Gebäuden. Dabei werden die bisher gültigen Brandklassen A1, A2, B1, B2 und B3 durch 7 neue Klassen ersetzt.

Betroffen sind von der EN-Norm 50575 Starkstromkabel und -leitungen sowie Kommunikations- und Steuerkabel für die dauerhafte Installation in Gebäuden. Entsprechend der Norm sind die oben genannten Kabel jetzt auf Energiegehalt, Flammausbreitung, Raucherzeugung, Säuregehalt, Wärmefreisetzung und Tropfenbildung zu prüfen.

Dieses metallfreie, gelgefüllte Glasfaserkabel der Prysmian Group entspricht der Brandklasse B2ca | Foto: Prysmian Group

CE-Kennzeichnung und Sinnhaftigkeit

Kabelhersteller dürfen in Folge der EN-Norm 50575 nur noch Produkte verkaufen, welche eine CE-Kennzeichnung und Leistungserklärung (Declaration of Performance DoP) haben. Weitere vorgeschriebene Angaben auf dem Kabel, der Verpackung, dem Etikett oder den Begleitpapieren sind Herkunft, Beschreibung und die Brandverhaltensklasse.

Als die europäischen Gremien im Rahmen der CPR die neuen Brandklassen Cca und B2ca als Mindestanforderung für zahlreiche Bauformen festlegten, standen die Kabelhersteller vor einer großen Herausforderung. Sie mussten Kabel entwickeln, welche den Brandklassen erfüllen und im Brandfall weniger Rauch und giftige Gase entstehen lassen.

Die Einführung der neuen Bauprodukteverordnung war ein entscheidender Schritt in Richtung der Erhöhung der Brandsicherheit von Menschen, Tieren und Gütern. Und das ist es aus zwei Gründen: Zum einen, weil die neuen Kabel entscheidend weniger Giftstoffe und Rauchgase abgeben und dem Feuer etwas länger standhalten können, zum anderen aber ist es der erheblich gestiegenen Installationsdichte heutiger Gebäude zuzuschreiben. Im Vergleich zu den 1950er Jahren hat sich auch diese nahezu verdreifacht. Und die Weiterentwicklung des Smart-Homes setzt diesem Trend aktuell kein Ende. Kabel können Brände sowohl mitverursachen als auch von einem Raum in den nächsten weiterleiten. Deshalb müssen sie so geschaffen sein, dass sie die Ausbreitung von Feuer begrenzen und hemmen, wie durch die Reduzierung von Flammenausbreitung, Wärmefreisetzung, brennender Tropfen oder Rauch- und Gasentwicklung. Im Endeffekt ist die Flammwidrigkeit von Kabeln eine wichtige Voraussetzung, damit sie weiterhin Brandherde über Brandmeldeanlage oder Sprinkler zuverlässig erkennen und anschließend löschen können.

Quellen:

https://www.dibt.de/de/service/faqs/bauproduktenverordnung-und-marktueberwachung/

https://www.baustoffindustrie.de/fileadmin/user_upload/bbs/Dateien/Downloadarchiv/Technik/bauprodukteverordnung.pdf

https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/produkte/bauprodukte/eu-recht-fuer-bauprodukte/eu-bauproduktenverordnung

https://www.zvei.org/presse-medien/publikationen/kabel-und-leitungen-unter-der-europaeischen-bauproduktenverordnung/

https://sirges-egu.de/uploads/media/Hinweise-BauPVO_VEG_ZVEH_ZVEI_03.pdf

https://www.elektropraktiker.de/nachricht/verschaerfte-anforderungen-an-kabel-und-leitungen/

https://www.ifs-ev.org/schadenverhuetung/ursachstatistiken/brandursachenstatistik/

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/_inhalt.html

https://www.fvlr.de/downloads/fluchtzeit.pdf

https://www.prysmiangroup.com/en/node/12860