Irrational durch den Rauch

Menschen unterschätzen oftmals die Wirkung von Brandrauch. Sie verlassen Räume und Orte trotz starker Verrauchung nicht oder nicht in angemessener Geschwindigkeit oder gehen sogar bewusst durch den Rauch. Warum ist das so?

Rein statistisch gesehen, sterben in Deutschland jedes Jahr rund 400 Menschen durch Brände. Von diesen 400 Menschen wird der Großteil (70%) nachts im Schlaf von einem Brand überrascht. Allerdings stellt dabei nicht das Feuer die größte Gefahr dar, sondern der aus der Verbrennung entstehende Rauch. Bereits drei bis fünf Atemzüge können dabei tödlich sein. Daraus resultierend fallen 80 bis 95% der Brandopfer nicht den Flammen, sondern den Rauchgasen zum Opfer.

Schlafende Menschen wachen selbst bei starker Rauchentwicklung durch den Rauchgeruch und die einsetzende Atemnot nicht auf. Im Rauch befinden sich Menschen schlafend und wach in akuter Lebensgefahr. Feuerwehrangehörigen ist das bewusst. Menschen, die sich nicht mit Rauch beschäftigen, unterschätzen aber oftmals die Gefährlichkeit und seine Auswirkung. Ergebnisse aus Forschung und Praxis zeigen, dass Menschen bisweilen irrational auf Rauch reagieren und ihn keinesfalls meiden. Es gibt jedoch kaum Daten dazu, welches Verhalten wie oft unter welchen Umständen auftritt.

Die Auswirkungen von Rauch sind recht unterschiedlich beeinflussbar. Neben den örtlichen Gegebenheiten spielen auch körperliche Fitness und Gesundheit eine Rolle. Sie scheinen die menschliche Widerstandsfähigkeit gegen toxischen Rauch zu verbessern, während das Rauchen von Zigaretten sie verringert. Die Aufnahme von Rauch wird zusätzlich durch eine schnellere Atmung bedingt. Schwangere und körperlich aktive Menschen (Flüchtende aus einer Gefahrensituation z.B.) haben einen höheren Sauerstoffverbrauch und atmen schneller als Menschen in Ruhe.

Die Auswirkungen von Rauch und Verletzbarkeit zu kennen, bedeutet nicht zu wissen, wie sich Menschen verhalten. Zur Veranschaulichung des Problems verwende ich deshalb das Verhalten von Fahrgästen beim Brand am U-Bahnhof „Deutsche Oper“ in Berlin aus dem Jahr 2000.

Verhalten von Menschen bei aufkommendem Rauch

Entgegen den Erwartungen von Einsatzkräften und Brandschützern, welche noch immer dem „Mythos“ anhängen, Menschen würden nicht durch Brandrauch gehen, geschieht immer wieder genau das. Menschen scheinen sich immer dann durch Rauch zu bewegen, wenn es dafür einen „guten Grund“ gibt. Wie dieser aussehen kann, ist natürlich stark subjektiv und damit nur durch die Psychologie erfassbar. Bei einem Brandgeschehen mit starker Rauchentwicklung ist häufig eine Evakuierung nötig. Betrachtet man das Verhalten von Menschen in diesen Fällen, dann lässt sich die Räumung meist in zwei Phasen einteilen.

Die Reaktionsphase (engl. pre-movement) kennzeichnet die Zeitspanne ab der ersten Wahrnehmung des Ereignisses, z.B. durch Rauchgeruch oder einen Feueralarm. Daran anschließend ergibt sich die Bewegungsphase (eng. movement time). In den beiden Phasen spielen unterschiedliche Faktoren und Motivationen für das Verhalten der Personen eine Rolle.

Beispiel „Deutsche Oper“

Im Jahr 2000 kommt es im Rahmen der Love Parade in Berlin zu einem Brand im U-Bahnhof „Deutsche Oper“. Zu dieser Zeit verfügt der Bahnhof nur über einen Ein- und Ausgang. Dieser Umstand wurde erst nach dem Brand baulich behoben und damit einer Forderung der Berliner Feuerwehr nachgekommen, dass jeder U-Bahnhof mindestens zwei Ein- und Ausgänge haben muss. An dem damaligen einzigen Ein- und Ausgang gerät 2000 der letzte Wagon eines U-Bahnzuges in Brand. Es sind zu diesem Zeitpunkt rund 350 Menschen im Bahnhof und / oder im Zug. Einige der anwesenden nehmen die Gefahr des Rauches trotz der immer weiter zunehmenden Rauchentwicklung nicht ernst, auch wenn bei anderen Menschen auf dem Bahnsteig Unruhe ausbricht. Sie bleiben am Bahnsteig stehen, kommentieren die Rauchentwicklung mit Applaus oder gehen sogar zurück in den verqualmten Wagon der U-Bahn, um Bilder zu machen. Der Einsatzbericht der Feuerwehr legt nahe, dass in diesem speziellen Fall nur eine Verkettung von glücklichen Umständen größere Personenschäden verhindert haben.

Verhalten in der Reaktionsphase

Menschen benötigen in Ausnahmesituationen Informationen, um entscheiden zu können, was sie tun wollen. Die Entscheidung, beispielsweise, einen verrauchten Bereich zu verlassen, kann als Gefährdungseinschätzung auf vielen Faktoren beruhen. Persönliche Erfahrung, Fachwissen oder Gruppendynamik. Menschen müssen die Gefahr also erst wahrnehmen und als solche klassifizieren. Der Rauch alleine stellte im Falle der „Deutschen Oper“ offensichtlich für die Beteiligten noch keinen hinreichenden Hinweis auf eine akute Lebensgefahr dar, sodass die Fahrgäste in großer Zahl im Bahnhof verblieben. Es ist daher umso wichtiger, dass Alarme, Maßnahmen und Gefahren klar ausgegeben werden und verständlich machen, dass von der akuten Situation Gefahr ausgeht. Nur so können die unterbewussten Entscheidungsvorgänge der Menschen entscheidend beeinflusst werden.

Auch die Motivlage spielt bei solchen Entscheidungen eine entscheidende Rolle. Beim oben genannten Beispiel „Deutsche Oper“ scheint die Motivlage Neugier und Entertainment vorherrschend gewesen zu sein. Die Verrauchung mag vereinzelt als Teil des Unterhaltungsprogramms wahrgenommen worden sein.

Nicht alle Menschen flüchten, sobald sie Rauch wahrnehmen. Oftmals entscheiden sich die Betroffenen irrational.

Soziale Beeinflussungen spiegeln den dritten und letzten Teil des Entscheidungsprozesses wider. Hinweise aus der Umwelt, wie Rauch, Feuer oder bestimmte Geräusche geben einen ersten Anhaltspunkt. Aber auch das Verhalten anderer Menschen um uns herum, verleiten nicht selten zu dem Phänomen, welches als „Herdentrieb“ bekannt ist. Man folgt also dem Verhalten einer Mehrzahl von Personen, ohne selbst die Gefahr verifiziert zu haben. Das kann sowohl schädlich sein (Stichwort Massenpanik), als auch in die entgegengesetzte Richtung funktionieren. Bleibt eine Mehrzahl der Betroffenen trotz Gefahr, kann es auch andere zum Verbleiben animieren und eine Flucht verhindern.

Verhalten in der Bewegungsphase

Laut Studien sind die Gründe für ein Verweilen in verrauchten Bereichen Erkundung und Brandbekämpfung sowie die Hilfe für andere Personen. In dieser Hinsicht fallen auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Männer zeigen eher Erkundungsverhalten, während Frauen schneller Hilfe holen.

Menschen gehen teilweise sogar durch den Rauch zurück in ein Gebäude, um anderen zu helfen. Die soziale Rolle spielt dabei eine entscheidende Rolle. Eltern, welche beispielsweise zurück gehen, um ihre Kinder zu retten. Ein Zurückgehen ist oftmals emotional „erklärbar“. Oftmals sind es aber auch banal anmutende Gründe, wie eine zurückgelassene Jacke oder Tasche. Schlechte Sichtverhältnisse können mitunter dazu beitragen, dass Menschen einen bekannten, aber verrauchten Fluchtweg einem rauchfreien, aber unbekannten Fluchtweg vorziehen. Ein kurzer Weg durch den Rauch wird deshalb als bessere Option betrachtet. Auch kann die falsche Führung eine Route durch Rauch begünstigen. Im Fall der „Deutschen Oper“ hatte die Führung gezeigt, dass sie aber auch das Gegenteil bewirken kann. Hier folgten schließlich die Menschen nach dem Eintreffen der Feuerwehr mit Atemschutz schnell den Anweisungen und Führung der Einsatzkräfte aus dem verrauchten Bereich hinaus.

Fazit

Menschen verbleiben im Rauch oder gehen durch diesen hindurch, wenn sie dafür „gute Gründe“ sehen. Diese Gründe sind oft psychologischer Natur und von Emotionen und sozialen Unterschwelligkeiten geprägt. Auch wenn die wissenschaftlichen Gründe dafür noch erforscht werden, lassen sich die Erkenntnisse dennoch bereits jetzt im vorbeugenden Brandschutz einsetzen, um Menschen schneller aus verrauchten Bereichen zu evakuieren und sie zu veranlassen, nicht durch den Rauch zu gehen:

  • Wissen über Gefahren von Rauch vermitteln
  • Informationen über Gefahren während einer Rauchentwicklung geben
  • soziale Mechanismen einbeziehen
  • Alarme und Warnungen eindeutig und dringlich gestalten
  • Führung ausüben und Unsicherheiten verringern

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/u-bahn-brand-unglaubliches-glueck-in-einer-luftblase-ueberlebt/152668.html

https://de.wikipedia.org/wiki/U-Bahnhof_Deutsche_Oper#Brand_im_Bahnhof

https://www.welt.de/print-welt/article522588/U-Bahn-Brand-Fahrgaeste-irrten-hilflos-ueber-die-Gleise.html

https://de.statista.com/infografik/16378/anzahl-der-brandtoten-in-deutschland/

https://www.feuer-und-rauch.de/gefahr.html

https://www.berliner-feuerwehr.de/fileadmin/bfw/dokumente/Publikationen/Jahresberichte/jahresbericht2000.pdf