Die Täuschung im großen Stil

Desinformation und Fake News sind inzwischen ein Dauerbrenner in unserer heutigen Online-Welt. Erschreckend wird oft festgestellt, wie oft Fake News auftreten und wie gezielte Falschmeldungen Stimmungen und digitale Wetterlagen beeinflussen können – der oft genannte „Shitstorm“. Dabei wird die Bedeutung dieses Phänomens in der Wirtschaft noch immer unterschätzt. Und so wird aus der Ente schnell die „End-Täuschung“.

Bisher wird das Thema Fake News und Desinformation meist im politischen Umfeld diskutiert. Man denke an die große Desinformationskampagne bei der Annexion der Krim, der vergangene Wahlkampf zur US-Präsidentschaft oder die Informationspolitik Chinas. Dabei sind auch Unternehmen von diesen Phänomenen betroffen. Die häufig auftretenden und massenhaft weitergeleiteten Fake News führen teilweisen zur vorherrschenden Meinung des „digitalen Mittelalters“. Also den Verlust der in der Aufklärung gewonnen Errungenschaften.

Eine Studie im Auftrag des Bundesverbands der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) hat sich mit diesem Thema befasst und erstaunliches zu Tage gefördert. Fast 90 Prozent der darin befragten Unternehmen sind davon überzeugt, dass in naher Zukunft Desinformationsangriffen mehr Aufmerksamkeit zukommen muss. Wirtschaftsverbände sehen Fake News inzwischen als eine der zentralen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts.

Innerhalb der Studie lassen sich verschiedene Kernfragen rausarbeiten. Warum funktionieren Fake-News eigentlich so gut? Wie kann es sein, dass der Zugang zu Informationen heute so einfach ist wie niemals zuvor, aber dennoch so viele Fehlinformationen geteilt, geliked und tausendfach geklickt werden? Spielt den Initiatoren der Falschmeldungen vielleicht der bekannte, aber höchst ungünstige kognitive Mechanismus des „Bestätigungsfehlers“ (also verkürzt das Prinzip: wir glauben, was wir glauben wollen) in die Hände, oder gibt es noch weitere Einflussfaktoren?

Zu viele Informationen?

Ein Grund für den Erfolg von Falschmeldungen sehen viele im Überangebot an Informationen. Man könne, der Flut an Informationen wegen, gar nicht mehr entscheiden, was an Informationen richtig sei oder eben falsch. Die Studie hingegen zeichnet ein gänzlich anderes Bild: Nutzer haben sich ein sehr versiertes analoges und zunehmend digitales Informationsnetz zurechtgeschnitten. Dieses verbindet Kanäle und ist auf die persönlichen Vorlieben und Interessensgebiete abgestimmt. Die Fülle der verfügbaren Informationen sind jedenfalls geschätzt.

Die Desinformationen also als Produkt der digitalen Überlastung zu beschreiben, greift zu kurz. Dennoch wurde, trotz aller digitaler Versiertheit, deutlich, dass sowohl das Ausmaß als auch die Mechanismen von Desinformation sowie ihre Bedeutung für die Wirtschaft und das eigene Unternehmen weitestgehend unterschätzt werden und unbekannt sind. Viele sehen die Angriffsvektoren im politischen Feld und auf sehr wenige Themen beschränkt (Flüchtlinge, Klima, Wahlen etc.). Die Wirkung auf das eigene Leben oder das Unternehmen wird als eher unbedeutend eingeschätzt. Die Möglichkeiten und konkreten Schäden für die Wirtschaft sind unbekannt oder werden naiv heruntergespielt. Konfrontiert man die Betroffenen damit, entsteht oft ein Gefühl von Ohnmacht oder Wut.  

Verschiedene Nutzer-Typen

Die Wahrnehmung und Auswirkung von Desinformation unterscheidet sich je nach Nutzer-Typ. Die Studie macht hier vier verschiedene Typen aus.

Die Lösung ist Awareness

Bei diesen verschiedenen Nutzer-Typen und Anwendern Awareness zu schaffen heißt, das Prinzip zu verstehen und geeignete Maßnahmen zu entwickeln und zu etablieren. Freilich ist es wichtig Quellenrecherche zu betreiben, diese Quelle zu bewerten und zu vergleichen, um so sicherzustellen, dass der Nachricht vertraut werden kann. Allerdings sind diese Methoden den meisten Nutzern schlicht nicht bekannt. Deshalb ist ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger zu erkennen, welchen (psychologischen) Nutzen das Vertrauen in die Richtigkeit einer Meldung hat – bevor man sie eben weiterleitet, liked oder sein Handeln danach ausrichtet.

Die Top-Erkenntnisse der Studie

Die oft beklagte Überforderung durch ein digitales Überangebot kann die Studie nicht bestätigen. Wirksame Maßnahmen in Unternehmen sollten sich daher nicht darauf beschränken, Mitarbeiter darin zu bestärken, die Quelle einer Information zu überprüfen, bestimmte Gestaltungsmerkmale zu beachten oder die Anzahl der Likes oder Weiterleitungen als Maßstab für die Richtigkeit einer Meldung anzusehen. Vielmehr müssen Mitarbeiter angehalten werden, das Prinzip der Falschmeldung im Kontext von Unternehmen zu verstehen und die eigenen Mechanismen im Umgang mit Informationen zu erkennen. Diese Form der Sensibilisierung geht über ein bloßes Erkennen von richtig oder falsch hinaus – sie verlangt vielmehr eine Selbstreflexion und digitale Achtsamkeit.

Top 1

Desinformation und damit verknüpfte Risiken für Unternehmen sind noch weitgehend unbekannt: Mitarbeitern ist oftmals die Bedeutung von Desinformation außerhalb des politischen Spektrums unbekannt. Die konkreten Gefahren für das eigene Unternehmen werden unterschätzt.

Top 2

Kategorien wie „wahr“ und „falsch“ sind heute nicht mehr passend, ebenso wie „analog“ versus „digital“. Wir müssen begreifen, dass nicht der Wahrheitsgehalt einer Nachricht ausschlaggebend. Durch die Klassifizierung nach „wahr“ und „falsch“ werden andere Funktionen der Nachricht verdeckt und ausgeblendet.

Top 3

Der Blick auf die „Wahrheit“ wird durch soziale Faktoren beeinflusst: All unsere gewonnen Freiheit und Vernetzungen der Digitalisierung führt dazu, dass eine kollektivistische Kultur sich durchsetzt. Was wahr und falsch ist, entscheiden zunehmend auch die Bezugsgruppen bzw. die Communities.

Top 4

Desinformation braucht Aufmerksamkeit: Der richtige Umgang mit Fake-News muss erlernt werden. Wo liegen die konkreten Risiken für mein Unternehmen? Wie kann ich mich davor schützen? An wen wende ich mich, wenn ich Desinformation entdecke oder vermute? All diese Fragen sollten beantwortet werden, um das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber Desinformation zu verringern.

Top 5

Selbstreflexion ist wichtig: Die Fähigkeit, Falschmeldungen zu entlarven, muss erlernt werden. Dies geht aber nur mit einer gesunden Selbstreflexion. Wie soll man die Anzeichen für Fake-News kennen, wenn man sich nicht selbst kennt? Das Wissen darum sowie die Kenntnis der eigenen Reaktionen auf „Betrug“ lassen eine digitale Achtsamkeit erreichen.

Top 6

Reputation der eigenen Organisation stärkt Achtsamkeit und Resilienz: Die Glaubwürdigkeit, der Vorbildcharakter des Arbeitgebers sind entscheidende Faktoren für einen bewussten und damit souveränen Umgang mit Desinformation. Wer selbst lügt und betrügt, dem glaubt man nicht – und der riskiert so den klaren Blick und die Widerstandsfähigkeit der eigenen „Human Firewall“.

Quellen:

https://asw-bundesverband.de/fileadmin/user_upload/dokumente/Studien_etc/studie_desinformation.pdf

https://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Fakten-oder-Falschmeldungen,fakenews134.html

https://www.schau-hin.info/grundlagen/was-sind-eigentlich-fake-news

https://www.zeit.de/thema/fake-news

https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hintergrund/fake-news-unternehmen-101.html

https://www2.deloitte.com/de/de/pages/risk/articles/gefahr-durch-fake-news.htmlhttps://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/cybersicherheit-fake-news-sind-die-groessten-risiken-im-netz/24923210.html?ticket=ST-54469980-0Igab62MkoZNER1druIw-ap4