Der LKW als Anschlagsmittel

Seit Mitte des Jahres 2016 hat sich eine bis dato unbekannte Gefahr in unseren Städten und Ballungsräumen bemerkbar gemacht. Es ist der 14. Juli 2016. In Frankreich ist Nationalfeiertag. Die Franzosen gedenken an diesem Tag traditionell dem Sturm auf die Bastille, dem einst berüchtigten und verhassten Pariser Gefängnis und feiern den Beginn der Französischen Revolution im Jahre 1789.

Auch an der französischen Mittelmeerküste feiern die Menschen am 14. Juli 2016. In Nizza ist am Abend Hochbetrieb auf der Strandpromenade. Ein islamistischer Terrorist nutzt die Gelegenheit und fährt mit einem gestohlenen LKW durch die Menschenmenge. 84 Menschen sterben. Dieses Attentat hat sowohl Terroristen, als auch Behörden eines aufgezeigt: Es gibt einen ungeheuer einfachen Weg, durch ein solches Attentat eine hohe Opferzahl zu verursachen.

Berlin, der 19. Dezember 2016. Ein LKW fährt in eine Menschenmenge. Auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz im Herzen Berlins sterben elf Menschen. Wieder ist die Waffe ein zuvor gestohlener LKW.

Stockholm, 07. April 2017. Ein Attentäter fährt mit einem LKW durch die Fußgängerzone der schwedischen Hauptstadt. Fünf Menschen sterben.

London, 03. Juni 2017. Zwei Attentäter fahren mit einem Kleinlaster auf der London Bridge gezielt in eine Menschenmenge. Es sterben sieben Menschen.

Barcelona, 17. August 2017. Ein Attentäter fährt mit einem Kleinlaster durch eine Menschenmenge auf dem Boulevard La Rambla im Zentrum von Barcelona. Dabei werden 14 Menschen getötet.

Der „billige“ Weg

Diese Anschläge haben deutlich gemacht, dass für unsere Städte und Versammlungsstätten eine reale und nicht vorhersehbare Gefahr droht. Aus Sicht er Terroristen ist diese Methode gleich aus mehreren Gesichtspunkten rentabel und einfach umzusetzen. Geringer Materialaufwand, keine oder geringe Ausbildung der Attentäter, ein bis zum Zeitpunkt des Anschlags unauffälliges Anschlagsmittel und relativ hohe Opferzahlen. All diese Punkte stehen den Sicherheitsbehörden natürlich auf der anderen Seite der Gleichung als größte Probleme gegenüber.

Was danach geschah

Welche Schlüsse die Behörden aus den Anschlägen gezogen haben, das muss auf zwei verschiedenen Ebenen betrachtet werden. Einer internen und einer externen Ebene.

  • Intern: Hinter den Kulissen wurden Reaktionspläne und Einsatztaktiken der Polizeien und der Rettungskräfte neu ausgerichtet und eingespielt. An vielen Stellen mussten diese auch erst von Grund auf entwickelt werden. Zwar war man auf Großschadenslagen, sogenannte MANVs (Massenanfall Verletzte) vorbereitet, allerdings ging man in den meisten Szenarien von Unfällen und Unglücken aus. Hier kam ein sicherheitstechnischer Aspekt hinzu, nämlich der terroristische Angriff. Diese Angriffe können stufenweise aufgebaut sein und in mehreren Wellen ablaufen. Genau dieser Umstand erfordert eine abgestimmte Einsatzplanung zwischen Polizei und Rettungskräften.
  • Extern: Was für alle sichtbar wurde, waren sogenannte Betonsperren an den Zugängen zu Versammlungsstätten wie Weihnachtsmärkte, Festgelände oder öffentliche Veranstaltungen. Sie erzeugen bei vielen Menschen ein trügerisches Gefühl der Sicherheit.

Warum ist dieses Gefühl der Sicherheit trügerisch? Die Gründe dafür liegen ebenfalls auf zwei Ebenen: Auf organisatorischer und technischer Ebene.

  • Organisatorische Ebene: Es gibt in Deutschland keinen einheitlichen Standard, wie solche Gelände und Veranstaltungen zu sichern sind. Jede Kommune ergreift bauliche Maßnahmen nach ihrer eigenen Einschätzung – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie die Kosten dafür selbst tragen muss.
  • Aus technischer Sicht erfüllen die eingesetzten Betonsperren schlicht und einfach nicht die Voraussetzungen, um in einem solchen Szenario einen wirksamen Schutz gewährleisten zu können. Für diesen Einsatz waren und sind die Blöcke nicht konstruiert.

Wie untauglich diese Blöcke zur Gefahrenabwehr sind, das hat der MDR in Zusammenarbeit mit der DEKRA in einem aufwendigen Versuch untersucht. Die Resultate sind ernüchternd.

Foto: radiohamburg.de

Das Geschäft mit den Betonsperren

Die Stadt Dresden war die erste Kommune in Deutschland, welche die Blöcke als LKW-Sperre einsetzte. Zu den Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit wurde der gesamte Festplatz „verpollert“. Die Kosten für die Stadt beliefen sich damals auf 80.000 Euro. Dabei bieten die Poller für einen LKW-Anschlag keinen ausreichenden Schutz. Zwar war in beiden Versuchsanordnungen des Tests von MDR und DEKRA die Vorderachse des LKWs zerstört worden, lenken und beschleunigen also in diesem Fall nicht mehr möglich, allerdings rollten die LKWs extrem weit aus. Die beschleunigte Masse des LKWs kann von einem lose auf den Boden gestellten Betonsperren mit maximal 2,4 Tonnen Gewicht einfach nicht aufgehalten werden.

Foto: MDR

Erst die Begrenzungen des Testgeländes halten den LKW letztlich auf. Im zweiten Durchlauf werden sogar die Sperren, welche die Besucher eigentlich schützen sollen, selbst zum tödlichen Geschoss. Der LKW trifft den Stein in einem derart ungünstigen Winkel, dass der 2,4 Tonnen schwere Block mit hoher Geschwindigkeit fast 30 Meter über den Asphalt rutscht.

Foto: MDR

Getestet haben MDR und DEKRA dieses Szenario mit zwei verschiedenen Anordnungen der Betonsperren. In keiner der Anordnungen bieten diese einen verlässlichen Schutz vor LKW-Attacken. Dabei wurden zwei LKWs mit 7,5 Tonnen Leermasse und jeweils zwei Tonnen Zuladung verwendet. Die Gesamtmasse der LKWs betrug also rund 10,5 Tonnen. Die Aufprallgeschwindigkeit war mit 50 Kilometer pro Stunde auch realistisch und nicht übertrieben hoch gewählt. Fährt, wie im Falle von Berlin, sogar ein beladener Sattelauflieger mit 40 Tonnen Masse und 50 Kilometer pro Stunde auf eine solche Betonsperre, dann dürfte die Stoppwirkung noch geringer sein.

Die Auswirkungen

Die Recherchen des MDR legen nahe, dass die Betonsperren für einen wirksamen Schutz solcher Plätze und Veranstaltungen gegen LKW-Attacken kaum geeignet sind. Bleibt man beim Beispiel des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, so würde sich für andere Städte und Weihnachtsmärkte ein düsteres Bild ergeben. Legt man die Testbedingungen (Betonsperren, LKW, Gewicht, Geschwindigkeit und Ausrollstrecke) exemplarisch an zwei weitere Städte an, dann ergibt sich folgendes:

Beispiel 1: Erfurt

Am Beispiel des Erfurter Weihnachtsmarkts hätte ein solcher LKW mit Tempo 50 fast die Mitte des Domplatzes erreicht.

Beispiel 2: Dresden

Auf dem Weihnachtsmarkt in Dresden hätte der LKW sogar mehr als die Hälfte der Veranstaltungsfläche überquert, bevor er zum Stillstand gekommen wäre.

Die Lösung

Die gute Nachricht ist: Es gibt Sperren, welche den Kräften eines LKWs standhalten. Meist sind sie allerdings fest eingebaut oder werden temporär an ihrem Standort befestigt. Die Wirkung, welche diese Systeme entfalten, ist beeindruckend.

Bei schützenswerten Liegenschaften werden solche Systeme schon seit längerer Zeit eingesetzt. Um zumindest die teilweise mobilen Systeme für Kommunen finanzier- und anwendbar zu machen, bedürfte es der Unterstützung aus dem Bund. Finanziell, gleichwohl aber auch logistisch durch die Einführung eines Managementsystems zur konkreten Gefahrenabwehr solcher Orte und Veranstaltungen. Dabei geht es für die Kommunen nicht zuletzt um Handlungs- und Rechtssicherheit. Über längere Zeiträume gesehen, könnte sich aber auch eine Festinstallation solcher Anlagen für eine Kommune lohnen, zieht man ein immer wiederkehrendes Volksfest, wie beispielsweise das Oktoberfest in München auf dem Gelände Theresienwiese, in Betracht. Am Beispiel Dresden aufgerechnet: Statt in jedem Jahr 80.000 Euro für den temporären Schutz der Gelände auszugeben, kann eine dauerhafte aber effektive Lösung in Betracht gezogen werden. Solange es aber keine finanziell und/oder organisatorisch gestützte Initiative des Innenministeriums gibt, wird den Kommunen nichts weiter bleiben, als der Versuch weiter nach bestem Wissen und Gewissen einen Schutz dieser Bereiche sicherzustellen.

Quellen:

https://www.mdr.de/umschau/lkw-durchbricht-antiterror-sperren-100.html

https://www.perimeterprotection.net/de/

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2017/12/chronologie-terror-anschlag-attentat-breitscheidplatz-amri.html

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-04/stockholm-lastwagen-in-menschenmenge-gerast

https://www.tagesschau.de/ausland/london-attacke-101.html

https://de.reuters.com/article/spanien-barcelona-idDEKCN1AX21U