Die Sicherheit muss rund laufen

Beim Fußball muss das Runde in das Eckige und nicht nur der Ball muss rund laufen. Prall gefüllte Stadien mit teilweise gewaltbereiten Fans stellen gleich eine zweifache Bedrohung dar: Zum einen die innere, also die Gewalt, welche von einzelnen Fans oder Gruppen ausgeht. Zum anderen die äußere, also das lohnenswerte Ziel, welches solche Ansammlungen für Terror-Angriffe darstellen. Hinzu kommt ein buntes Durcheinander an Vorschriften und Richtlinien aller Beteiligten.

Testlauf des Grauens

Es ist der 13. November 2015. In Paris spielt die Deutsche Nationalmannschaft ein Testspiel gegen die equipe tricolore. Es ist 21.17 Uhr als selbst in der TV-Übertragung des Spiels die erste von drei Detonationen zu hören ist. Unruhe bricht im Publikum aus. Es ist der Beginn des schwersten Terrorangriffs auf die französische Hauptstadt. Die Detonationen sind Selbstmordattentäter mit Sprengstoffwesten, welche sich an den Eingängen D und H des Stadions in die Luft sprengen. Insgesamt sterben in dieser Nacht in Paris 130 Menschen, 683 werden verletzt. Eine noch größere Opferzahl konnte unter anderem deshalb verhindert werden, weil die ersten drei Attentäter nicht in das Stadion eindringen konnten. Wäre dies gelungen, dann wären die Opferzahlen vermutlich noch höher ausgefallen. Dieses grauenhafte Ereignis macht deutlich, welche sicherheitstechnische Herausforderungen heute an ein Fußballstadion gestellt werden.

Die üblichen Verdächtigen?

Nicht erst seit der WM beschäftigen sich viele Betreiber von Stadien mit der Sicherheit dieser Objekte. Das Thema ist in den nationalen Ligen in Europa mehr oder weniger stetig präsent. Immer wieder kommt es zu Krawallen unter den Fans oder zwischen diesen und der Polizei und den Sicherheitsbehörden. Bei der Auswahl der Örtlichkeit sind die Unruhestifter selten wählerisch. Diese können im Stadion selbst, im Vorfeld oder dem Gelände des Stadions liegen. Zeitlich ereignen sich diesen Krawallen aber meist nach dem Spiel. Ein ebenfalls großes Problem ist das Abbrennen von Feuerwerkskörpern, welche durch die Fans ins Stadion geschmuggelt werden. Häufig zünden gerade die als „Ultras“ bekannten Fangruppen Bengalos und Feuerwerkskörper. Diese bringen nicht nur eine Verletzungsgefahr für den Ausführenden selbst mit sich, sie gefährden in einer solchen Lage auch hunderte andere Menschen. Gerade Bengalos haben genügend Energie in sich, um unter ungünstigen Umständen ein größeres Feuer zu entfachen. Ein schnell um sich greifendes Feuer in einem voll besetzen Fußballstadion…nicht minder furchteinflößend als der Terrorangriff.

Die betreffenden Böller und Fackeln werden inzwischen meist im Vorfeld auf das Gelände geschmuggelt, da die meisten inzwischen Taschenkontrollen am Eingang durchführen. Das geschieht meist einfach dadurch, dass diese durch Dritte über die Umzäunung des Geländes geworfen werden. Vereinzelt soll es auch Vorfälle gegeben haben, in welchen auch Ordner und Caterer daran mitgeholfen haben sollen. Durch die Weitläufigkeit des Geländes ein großes Problem.

Konzepte erarbeiten

All die oben genannten Probleme sind bei den Betreibern der Stadien nicht unbekannt und werden in regelmäßigen Intervallen diskutiert. Ein Trend zieht sich aber wie ein roter Faden durch diese Diskussionen: Die Betreiber greifen lieber zu individuellen Lösungen, welche sich in schon bestehende Gebäude und Sicherheitsinfrastruktur einbinden lassen. Die Fußballverbände Deutscher Fußballbund (DFB) und die Fédération Internationale de Football Associtation (FIFA) haben inzwischen eigene umfangreiche Regelwerke herausgegeben, welche die Betreiber erfüllen müssen, wollen sie in ihren Stadien gewisse Spiele ausrichten (Bundesliga, Länderspiele etc.). Vielen dieser Maßnahmen liegt die klassische Methodik der Risikoanalyse zu Grunde (Eintreffwahrscheinlichkeit / Schadensausmaß), allerdings unterscheiden sich die Regelwerke doch schwer in ihrer Tiefe. Die FIFA benennt beispielsweise deutliche schwerere und größere Risiken bei ihrer Einschätzung wie Terrorangriffe, Selbstmordanschläge, Luftangriffe und sogar den Angriff mit ABC-Waffen. Ähnlich werden die Einschätzungen bei „klassischen“ Risiken wie Unwetter, Stromausfall, Brand und Einsturz. Der oben dargestellte Einsatz von Feuerwerkskörpern ist dabei nur eines von vielen Brandrisiken. An dieser Stelle müssen auch Faktoren wie die Heizplatten des Caterings, Deko-Material oder Gasflaschen berücksichtigt werden. Außerdem müssen bei einer Versammlungsstätte dieser Größe die Menschen immer berücksichtigt werden. Stichworte wie Tumult, Krawalle und Panik sind an dieser Stelle zu nennen.

Den Überblick behalten

Die Sicherheit eines solchen Gebäudes beginnt bereits an der Außengrenze. Der Perimeterschutz ist daher sehr wichtig. Für Zäune schreibt z.B. der DFB eine Höhe von 2,20 Meter vor. Dieser Zaun soll „nicht leicht übersteigbar“ gestaltet werden. Die FIFA hingegen verlangt in ihrem eigenen Reglement einen Zaun von 2,50 Meter Höhe. Für die erste Bundesliga reichen also 2,20 Meter, für ein Länderspiel müssen es dann 2,50 Meter sein. Die FIFA verlangt zusätzlich eine Videoüberwachung und Posten zur zusätzlichen Sicherung. Ebenfalls dürfen an der Befriedung keine Büsche, Bäume oder sonstige Gegenstände zu finden sein, welche ein Übersteigen des Zauns ermöglichen oder erleichtern würden. Das gilt auch für Kassenhäuschen, Toiletten oder Kioske. Der Zugang zum Spielfeld soll durch einen Zaun oder einen „Graben“, wie es im Regelwerk heißt, gesichert sein. Neben den baulichen und videoüberwachungstechnischen Voraussetzungen beschäftigen sich die Regelwerke auch mit den organisatorischen Aspekten – also den Ordnern und Einsatzkräften. Diese sind schließlich an den Einlasspunkten des Stadions für die Kontrollen zuständig. Wenn ein Verein keinen eigenen Ordnungsdienst beschäftigt, muss er einen entsprechenden Dienst beauftragen. Die Mitarbeiter dieses Ordnungsdienstes müssen allerdings nach § 34 der Gewerbeordnung zertifiziert sein. Die Aufgaben des Ordnungsdienstes müssen die Durchführung von Zugangs- und Zufahrtskontrollen im inneren und äußeren Sicherungsbereich umfassen sowie bei besonderer Gefährdungslage auch im Zuschauerbereich. Die FIFA formuliert, dass weder Ordner noch Polizisten im Innenbereich eine Schusswaffen tragen sollen oder „aggressiv wirkende Ausrüstung“, es sei denn, es gebe eine reale Bedrohung.

Wer die üblichen Gewaltausbrüche (auch teilweise innerhalb des Stadions) analysiert, der wird sich bei dieser Formulierung eventuell verwundert die Augen reiben. Zum einen ist es nicht üblich in Deutschland, dass Ordner eines Vereins bewaffnet sind, zum anderen aber auch, dass eine Einheit der Bereitschafts- oder der Bundespolizei unbewaffnet in einen solchen Einsatz geht. Gleiches gilt für die Schutzausrüstung der Beamten, welche bei solchen Einsätzen indiskutabel vorgeschrieben und angebracht ist. Diese erst im entstehenden Krawall anzulegen kostet zu viel Zeit, die Lagerung der Ausrüstung wäre das nächste Problem.

Die Anzahl der Ordner und Polizisten im Inneren richtet sich nach der Risikoanalyse, soll aber laut FIFA „so gering wie möglich gehalten werden“. Bei den Ordnern kann das Verhältnis zu den Zuschauern je nach Risiko 1:100 betragen.

Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen

DFB:

Innerhalb der Platzanlage mit Blick auf den Umgriff, die Zuschauerwege und auf die Zuschauerplätze sowie den Außenbereich vor den Eingängen sind Video-Kameras mit Zoom-Einrichtungen zu installieren. Die Anlage muss von der Befehlsstelle der Polizei zu bedienen, an die Polizeimonitore angeschlossen sein und die Möglichkeit der Standbildaufnahme zur Identifikation von Personen bieten. Die Anlage sollte auch von der Befehlsstelle des Ordnungsdienstes aus bedient werden können.

FIFA-Regelement für Stadionsicherheit:

Die Aufnahmen der Überwachungskameras sind für die Dauer von 60 Tagen nach einem Spiel zu archivieren. Ereignet sich während eines Spiels ein Unfall oder Zwischenfall, müssen die Aufnahmen zwei Jahre lang in einem Format aufbewahrt werden, in dem sie nach Bedarf angeschaut werden können.

KI kann helfen

Eines ist auf der anderen Seite natürlich klar: Ordner können das Geschehen auf den Tribünen nicht komplett erfassen. Aus diesem Grund ist eine Videoüberwachung in Stadien sowohl vom DFB, als auch von der FIFA zwingend vorgeschrieben. Doch auch hier gibt es in der Technik erhebliche Unterschiede. Die Tribünen der Stadien werden oft mit PTZ-Kameras (P für engl. pan = schwenken, T für tilt = neigen, Z = Zoomfunktion) für die Überwachung benutzt. Diese erlauben ein Zoomen auf die Tribünen. Moderne Kameras mit 4K-Auflösung sind inzwischen in der Lage, Objekte bis zu 200 Meter Entfernung noch sauber aufzoomen und darstellen zu können. Technologien wie das „Stiching“, also das Zusammenfügen mehrerer Kamerabilder zu einem großen Bild, helfen dabei, den Überblick in kritischen Infrastrukturen zu behalten. Ein Beispiel dafür ist das Philips Stadion des PSV Eindhoven. Dieses nutzt das VMS (Videomanagementsystem) von BOSCH. Eine gute Videoüberwachung kann auch einen großen Beitrag zur organisatorischen Bewachung leisten, indem Ordner beispielsweise gezielt und schnell an den Ort des Geschehens zu losten und diese im Vorfeld mit aktuellen Informationen zu versorgen. Eines haben all diese Systeme aber gemein: Am anderen Ende des Monitors sitzen noch immer Menschen, die diese Bilder aus- und bewerten sollen und die richtigen Maßnahmen ergreifen müssen. Zwar nimmt der Einsatz von Analysesoftware stets zu, egal ob Gesichtserkennung oder Verhaltensanalyse. Sie sollen die Beobachter und Anwender entlasten, ohne ihm dabei der letztendlichen Entscheidung zu berauben. Im Falle der Stadionsicherheit entscheidet also nach wie vor die Polizei, wie ein vom System ausgelöster Alarm zu bewerten und zu behandeln ist. Die Effizienz solcher Lösungen hängt von den Kameras auf der einen Seite (Auflösung/Zoom) und der Möglichkeit der Software, zu lernen, ab. Neben den rechtlichen Voraussetzungen ist auch der Datenschutz gefordert. Das Erstellen von Bewegungsmustern und Gesichtserkennung und anderen Faktoren, die Personen konkret zuordenbar machen, stellen freilich einen Eingriff in die Persönlichkeit dar.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_13._November_2015_in_Paris

https://www.bmbf.de/de/fuer-mehr-sicherheit-im-fussballstadion-2654.html

https://de.fifa.com/governance/security/stadium-safety-and-security.html

https://www.dfb.de/verbandsservice/pinnwand/sicherheitsrichtlinien/

https://de.uefa.com/insideuefa/protecting-the-game/security/index.html

https://de.boschsecurity.com/de/produkte_1/softwareproducts/videosoftware_2/videomanagementsystems_2/boschvmsviewer80_4/boschvmsviewer80_4_44788